Update März 2026 - Schon mal versucht, vier Jahre auf zehn Schritten zu verbringen?
Morgens liegt hier der Geruch von Beton in der Luft. Nicht, weil die Luft anders wäre als draußen – sondern weil Beton alles speichert. Ich kenne ihn gut. Nach vier Jahren kennt man hier so einiges.
Zum Beispiel diese Strecke: Vor. Zurück. Vor. Zurück. Vor. Zurück. Vor. Zurück. Zehn Schritte. Ich habe das oft geprüft. Man wird ja sonst verrückt. Mein Zwinger ist ungefähr zehn Schritte lang. Mehr Platz hat mein Leben gerade nicht.
Schon mal versucht, vier Jahre auf zehn Schritten zu verbringen? Ich schon. Ich bin Rufino. Vielleicht erinnert sich noch jemand an mich. 2022 habe ich mich hier schon einmal vorgestellt. Damals war ich ein Jahr alt und ziemlich sicher, dass das hier nur eine kurze Zwischenstation sein würde. Ein paar Wochen. Höchstens ein paar Monate. Dann würde jemand kommen, mich ansehen und sagen: „Den will ich.“
Heute ist 2026 Ich bin fünf Jahre alt.
Und ich stehe immer noch da. Meistens zwei Schritte vom Gitter entfernt, genau da, wo ich mit der Nase den Spalt erreiche. Als könnte ich die Welt auf der anderen Seite festhalten. Wenn Menschen vorbeigehen, bin ich oft schon am Gitter. Ich finde Menschen immer noch ziemlich großartig. Vielleicht, weil ich mir immer noch vorstellen kann, dass irgendwo einer von ihnen zu mir gehört.
Warum hat mich eigentlich noch niemand gewählt? Dabei ist mein Leben eigentlich leicht zu erklären: Ich habe Energie. Sehr viel Energie. Ein Tierschützer hat mal gesagt, ich sei wie ein kleiner Motor. Einer, der ständig läuft. Ich glaube, mein Ausknopf wurde bei der Produktion einfach vergessen. Nur leider läuft dieser Motor meistens auf denselben zehn Schritten. Im Fachjargon nennt man das wohl: Leerlauf mit Beton-Aroma.
Vor. Zurück. Vor. Zurück. Vier Jahre lang.
Vier Jahre, in denen ich hätte lernen können, wie sich Wälder anfühlen. Vier Jahre, in denen ich hätte entdecken können, wie viele Gerüche ein Spaziergang haben kann. Vier Jahre, in denen ich hätte erfahren können, wie es ist, abends neben einem Menschen einzuschlafen. Stattdessen habe ich gelernt, wie Beton riecht. Und glauben Sie mir: Beton riecht jeden Tag ziemlich ähnlich Wie dieselbe Folge auf Repeat – nur ohne Staffel-Finale und ohne die eine Szene, auf die man sich freut.
Nachts wird es hier nie ganz still. Irgendwo bellen Hunde, irgendwo klappert ein Gitter. Dann liege ich wach und höre zu, als könnte ich aus den Geräuschen lesen, was als Nächstes passiert. Manchmal stelle ich mir vor, dass irgendwo ein Mensch schläft, der noch gar nicht weiß, dass ich existiere.
Mit anderen Hunden komme ich gut zurecht. Ich teile meine Box mit Rüden und Hündinnen, und das klappt.
Wenn die Tierschützer kommen darf ich an der Leine laufen (2 mal in vier Jahren…). Dann fühlt sich die Welt plötzlich riesig an. Größer als zehn Schritte. So viele Gerüche. So viele Geschichten. So groß, dass meine Nase gar nicht weiß, wo sie anfangen soll. So viel „Hier war jemand“ und „Hier geht es weiter“. In diesen Minuten vergesse ich die zehn Schritte. Und dann – klong-klack -ganz schnell – wird die Tür wieder geschlossen. Das Geräusch ist nicht laut. Aber es macht alles wieder klein. Vor. Zurück. Zehn Schritte.
Vielleicht kennen Sie genau den Menschen, der einen Hund wie mich sucht: aktiv, lässt sich streicheln, menschenbezogen, verträglich – einer, der gern draußen unterwegs ist und sein Leben nicht im Leerlauf verbringen will. Vielleicht laufen wir dann eines Tages zusammen durch einen Wald. Nicht zehn Schritte. Nicht zwanzig. Sondern einfach los.
Wenn Sie beim Lesen sogar gedacht haben: „Dieser Rufino könnte doch auch zu mir passen“ – dann melden Sie sich bitte bei meiner Vermittlerin.
Und wenn das gerade nicht geht: Teilen Sie meine Geschichte. Manchmal braucht es nur einen einzigen Menschen, der sie sieht.
Ich warte nämlich immer noch. Vor. Zurück. Und irgendwann bald hoffentlich: vorwärts.